Excerpt for Was Einmal War | Roman by Eva Benz, available in its entirety at Smashwords

Was Einmal War

Roman

von

Eva Benz



Author © 2001 Eva Benz

All rights reserved | Inhalt urheberrechtlich geschützt

Überarbeitung und erste Veröffentlichung 2011

Umschlagfoto und Cover Design © 2010 Eva Bauer © VG Bild Kunst



Smashwords Edition, License Notes

This ebook is licensed for your personal enjoyment only. This ebook may not be re-sold or given away to other people. If you would like to share this book with another person, please purchase an additional copy for each recipient. If you’re reading this book and did not purchase it, or it was not purchased for your use only, then please return to Smashwords.com and purchase your own copy. Thank you for respecting the hard work of this author.



DANKE EMILY



Kapitel I





Es ist das Unvorhersehbare, das uns am leichtesten aus der Bahn wirft. Der Besuch der Polizisten hatte nicht nur Carla, sondern auch ihren gesamten Tagesablauf vollkommen durcheinander gebracht. Statt einen lang vereinbarten Geschäftstermin wahrzunehmen, stand sie nun in der Küche, jedoch unfähig sich auf das Kochen zu konzentrieren. Sie war weder eine gute noch eine erfahrene Köchin und Kochen nahm normalerweise ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, das war auch der Grund, weswegen sie sich diese Aufgabe gestellt hatte, allerdings ohne Erfolg. Ihre Gedanken wanderten ständig weit zurück in die Vergangenheit, die fragmentarisch wieder Gestalt annahm. Sie versuchte sich an Einzelheiten zu erinnern, aber das gelang ihr ebenso wenig, wie die Zwiebeln zusammen mit dem Hackfleisch im Topf zu schmoren. Und dann diese Fragen, die die Polizisten ihr gestellt hatten und auf die sie sich keinen Reim machen konnte. Wütend, über ihre unkontrollierten Gedankensprünge, schabte sie mit dem Messer wild entschlossen die Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und das Fleisch in den Topf und stellte ihn auf den Herd. Sie würde auf ihre Fragen hier und jetzt keine Antworten finden, dessen war sie sich sicher und vielleicht brauchte sie das auch nicht, denn eigentlich hatte die ganze Geschichte nichts mit ihr zu tun, also sollten sich andere den Kopf darüber zerbrechen. Für den Moment war sie ganz zufrieden mit dieser Erkenntnis und hoffte, dass der rettende Verdrängungsmechanismus einsetzen und ihr die Last der trüben Gedanken nehmen würde. Sie atmete tief durch und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht, die eine Reaktion auf das Zwiebelschneiden waren und nicht die ihrer Gefühle. Als sie sich wieder dem Herd zuwenden wollte, hörte sie, wie die Eingangstür aufgeschlossen wurde. Das konnte nur Sophie sein, sie würde ihr alles erzählen müssen, aber wenn möglich nicht sofort.

Sophie war erstaunt Carla in der Küche zu finden und küsste sie zur Begrüßung auf beide Wangen. Müde und hungrig und hatte sie sich eigentlich auf das gute Essen von Frau Fischer, die sonst für das Kochen zuständig war, gefreut, denn bei der Aussicht auf Spaghetti mit Tomatensoße hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen. Sie ging zum Kühlschrank, nahm eine Flasche Weißwein heraus und Eis aus dem Gefrierfach, gab einen Würfel in Carlas Glas und ging langsam damit in das angrenzende Wohnzimmer. Es war ein großer, loftähnlicher Raum, der durch eine deckenhohe Fensterfront noch größer erschien, die wenigen Möbelstücke ließen viel Platz für Kunst. Großformatige Bilder hingen an den Wänden, Skulpturen standen vereinzelt herum, Zeichnungen lagen auf dem Boden. Sie blieb vor dem Fernsehgerät stehen und hörte, wie die Dokumentation eines Provinzmuseums der Superlative ankündigt wurde.

„Du willst dir doch bestimmt den Bericht über das Museum und deine Ausstellung ansehen. Komm, es fängt gleich an“, rief Sophie und goss den Wein in die Gläser. Kurze Zeit später stand Carla neben ihr. Immer noch das Messer in der einen Hand nahm sie das Weinglas, das Sophie ihr reichte, mit der anderen entgegen und wandte sich dann dem Fernseher zu. Carla hatte auf diesen Beitrag gewartet, ihn allerdings im Durcheinander ihrer Gedanken vollkommen vergessen. Der erste Teil des Berichts konzentrierte sich auf die architektonischen Besonderheiten des Museums, es folgte ein Interview mit dem Architekten und dem Museumsdirektor und erst zum Schluss wurde die Eröffnungsausstellung vorgestellt. In diesem Zusammenhang wurde auch Carlotta von Sachs erwähnt, die mit fünf großen Skulpturen eine der zehn prominenten KünstlerInnen dieser Kunstausstellung war.

Carla war Ende vierzig und gehörte schon seit vielen Jahren zu Deutschlands bekanntesten Künstlerinnen. Ihre Bilder und Skulpturen wurden überall in der Welt ausgestellt und nur einige Neider meinten, dass sie es einfacher gehabt hätte als andere, weil ihr Vater schon ein bekannter Künstler war, aber das stimmte natürlich nicht. Ihr Talent musste sie schon, seit mehr als zwanzig Jahren, selbst unter Beweis stellen und in den letzten Jahren sogar mit großem Erfolg.

„Ein wirklich außergewöhnlich gut konzipierter Museumsbau und mit der Ausstellung bin ich auch ganz zufrieden, die kam leider im Bericht etwas zu kurz“, sagte Carla und machte eine gefährliche Handbewegung mit dem Messer, dabei schaute sie Sophie mit einem gequälten Lächeln an.

Sophie wusste, schon als sie Carla in der Küche sah, dass etwas nicht stimmte. Der Geruch aus der Küche erinnerte sie wieder ans Essen, ihren Hunger und auch daran, dass Carla nur und wenn überhaupt aus therapeutischen Gründen kochte. „Nun sag schon, was ist los und warum kochst du ?“

Carla fiel wieder die Soße ein, die ohne Fond und Wein langsam vor sich hin schmorte und lief mit einer Vorahnung aus dem Zimmer.

Sophie folgte ihr ohne Eile, sie hatte einen stressigen Tag im Tonstudio hinter sich und absolut keine Lust sich mit Kochproblemen auseinanderzusetzen. In der Küche sah und roch sie dann, was Carla schon befürchtet hatte.

„Da ist wohl nichts mehr zu retten. Komm, lass uns essen gehen. Ich lade dich ein“, sagte sie und fügte hinzu, „wo ist eigentlich Frau Fischer, ist sie krank?“

Carla erklärte ihr, dass sie Frau Fischer freigegeben hatte, um alleine zu sein.

„Warum?“

Carla sah sich die angebrannte Masse an, die unter anderen Umständen eventuell eine leckere Soße geworden wäre. „Ich wollte mich irgendwie ablenken und dachte, kochen würde mir vielleicht dabei helfen.“ Sie drehte sich um, sodass sie Sophie in die Augen schauen konnte und sagte: „Kannst du dir vorstellen, was heute passiert ist?“

Sophie konnte es nicht und wartete darauf, dass Carla ihr endlich sagen würde, was sie aus der Fassung gebracht und in die Küche getrieben hatte.

„Stell dir vor“, sagte Carla und atmete tief durch, „die Polizei war hier.“

„Die Polizei? Weswegen denn das?“ Sophie war ziemlich erstaunt, damit hatte sie nicht gerechnet. „Bist du mal wieder bei Rot über die Ampel gefahren?“, scherzte sie.

„Nein, wie kommst du nur immer darauf?“, fragte Carla leicht irritiert. „Sie wollten wissen, wann ich zum letzten Mal meinen Ex-Mann gesehen habe.“

„Du lieber Gott und warum das? Hat er was angestellt?“

„Keine Ahnung! Die Polizisten waren nicht sehr kommunikativ, so wie man mir sagte, hat Anna eine Anzeige erstattet.“

„Deine Tochter? Anzeige gegen wen? Und weswegen?“, fragte Sophie erstaunt. „Gegen dich etwa?“

„Nein, das glaube ich nicht, aber ich weiß es auch nicht genau. Jedenfalls muss ich morgen zum Präsidium und eine Aussage machen.“

„Ich verstehe rein gar nichts, Aussage über was? Was ist denn passiert?“

„Ich sagte doch schon, ich hab keine Ahnung und kann mir das auch nicht erklären, aber morgen bekomme ich sicher eine Antwort darauf.“

Sophie hatte immer noch Schwierigkeiten sich ein Bild zu machen. „Also noch einmal, ein Polizist kam hierher und wollte was?“

„Es waren zwei“, widersprach Carla. „Eigentlich haben sie nur gefragt, ob ich die geschiedene Frau von Sebastian Breuer sei und wüsste, wo er sich derzeit aufhielt. Als ich das eine mit Ja und das andere mit Nein beantwortet hatte, sagten sie mir, ich solle mich morgen auf dem Präsidium einfinden, man müsse dort ein Protokoll aufnehmen, da vonseiten meiner Tochter Anna Meyer, geborene Breuer, bei der Herstädter Polizei eine Anzeige erstattet wurde und sie ihren Vater als vermisst gemeldet habe. Ja und dann waren sie auch schon wieder weg.“

„Vielleicht solltest du Anna mal anrufen und fragen, was da los ist“, schlug Sophie vor, wusste aber, dass dies wenig Sinn hätte.

„Daran habe ich auch schon gedacht, aber ich bin mir sicher, das hätte keinen Zweck, so wie ich sie kenne und nach allem, was war“, antwortete Carla. „Oder erinnerst du dich nicht mehr an mein letztes Gespräch mit ihr?“

Die Erinnerung daran war auch bei Sophie noch präsent, es war ein misslungener Versuch, den Kontakt wieder herzustellen, der bereits viele Jahre zuvor, durch den Einfluss von Carlas Mutter und der restlichen Familie, abgebrochen war. Carlas Familie verurteilte die Beziehung zwischen Carla und Sophie aufs Schärfste, wobei Worte fielen, wie ‘Schande für die Familie‘, ‘Kein Wunder, dass deine Ehe nicht funktionierte‘ und ‘Gut, dass dein Vater das nicht mehr erleben musste‘. Obwohl Carla sich sicher war, dass ihr Vater sie verstanden und auf keinen Fall verurteilt hätte, so blieben doch diese Vorwürfe bei ihrer Tochter Anna nicht ohne Wirkung. Anna lebte, nachdem sich Carla von Sebastian getrennt hatte und sie ihr Studium in München aufnahm, bei Carlas Mutter. Anna stand daher mehr unter dem Einfluss von Gertrude von Sachs als unter dem Einfluss von Carla, die Anna nur noch an den Wochenenden oder in den Semesterferien sah. Und so kam es, dass die Ablehnung, die Carlas Mutter empfand, nach und nach auch auf Anna übersprang, bis Anna sich schließlich sogar weigerte, Carla und Sophie weiterhin zu besuchen, damals war sie zehn. Die Hoffnung, dass sich Annas Einstellung mit den Jahren ändern würde - und Anna war nun schon dreißig - wurde leider nicht erfüllt.

„Dann werde ich wahrscheinlich freundlicher von der Polizei empfangen“, meinte Carla resignierend.

„Nun ja, immerhin sind schon einige Jahre seither vergangen“, räumte Sophie ein, „vielleicht hat Anna ihre Meinung ja doch etwas geändert.“

„Also du bist der Meinung, ich sollte in der Anzeige etwas Positives sehen. Quasi einen Wink mit dem Zaunpfahl, weil sie sich nicht traut mich anzurufen, versucht sie auf diesem Weg Kontakt mit mir aufzunehmen“, meinte Carla sarkastisch. „Mir wäre wohler, wenn ich wüsste, was hinter dieser Anzeige steckt.“

„Nun wie du sagst, handelt es sich ja mehr oder weniger um eine Vermisstenanzeige und wahrscheinlich hat die ganze Sache auch nur am Rande etwas mit dir zu tun, du wirst schon sehen“, meinte Sophie und lächelte Carla aufmunternd an.

Die Polizisten hatten allerdings einen anderen Eindruck hinterlassen, trotzdem hoffte Carla sie hätte recht. Sie ließ Wasser in den Topf mit der angebrannten Soße laufen, dann räumte sie Zwiebel- und Knoblauchschalen weg und wischte mit einem Tuch über die Anrichte.

„Carla bitte, das kann doch Frau Fischer machen, wenn sie zurückkommt.“ Sophie wurde nun ungeduldig. „Komm lass uns jetzt gehen, ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen.“



*



Zwanzig Minuten später waren sie dann bei ‘ihrem Italiener‘, einem gemütlichen Restaurant, nicht weit von Carlas Wohnung entfernt. Carla wäre gerne zu Fuß gegangen, aber Sophie hatte keine Lust zu laufen. Während der kurzen Fahrt mit dem Auto saßen beide schweigend nebeneinander. In dem Restaurant waren an diesem Abend nur wenig Gäste, und sie hatten kein Problem einen Tisch zu finden. Erst als sie Platz genommen hatten, ergriff Sophie wieder das Wort: „Tut mir leid, wenn ich noch einmal damit anfange, aber mir geht diese Geschichte jetzt auch nicht mehr aus dem Kopf.“

„Die Sache nervt mich total“, meinte Carla, „lass uns lieber über etwas anderes reden.“

Aber so schnell ließ sich Sophie nicht von dem Thema abbringen. „Da muss doch etwas passiert sein? Wann hast du Sebastian denn das letzte Mal gesehen?“

„Ich habe nachgerechnet, es sind, wenn ich mich nicht täusche, jetzt achtundzwanzig Jahre her. Wir lebten damals schon einige Monate getrennt“, erinnerte sich Carla, „Es war Mitte September, er rief mich eines Abends an und sagte, dass er mich unbedingt noch treffen müsse.“

Hier machte Carla eine Pause.

„Ja und? Hast du ihn getroffen?“

„Ja, er wollte mit mir etwas besprechen und zu mir in die Wohnung kommen, aber ich wollte das nicht und schlug deshalb einen Spaziergang vor“, fuhr Carla langsam fort, sie erinnerte sich noch genau, dass ihm das gar nicht passte. „Wir trafen uns dann vor dem Haus, aber er wollte nicht mit mir durch die Stadt spazieren, deswegen forderte er mich auf, in sein Auto einzusteigen. Zuerst wollte ich das nicht, aber dann gab ich nach. Wir fuhren aber nicht weit, nur bis zum Stadtpark, der ist am Stadtrand von Herstadt und dort wiederum ist ein stillgelegter Flussarm, an dem hielt er an.“

Der Kellner, der die beiden Frauen gut kannte, brachte die Karte und fragte, ob er schon ihren Wein servieren dürfe. Carla und Sophie nickten und beide bestellten, ohne die Karte zu studieren.

„Und? Erzähl schon, was wollte er von dir?“, fragte Sophie.

„Was er auf der Fahrt sagte, war ziemlich belanglos, daran kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, er war sehr nervös und ich hatte den Eindruck, dass er etwas getrunken hatte. Dann, als wir ausstiegen, sagte er, er hätte Mist gebaut, und er hätte das alles Leid, und warum ihm immer so etwas passieren müsse. Jedenfalls lamentierte er eine ganze Weile herum und sagte dann, wie aus heiterem Himmel, ob wir es nicht wieder miteinander versuchen könnten. Stell dir das mal vor.“

„Was glaubst du, hat er mit ‘Mist gebaut‘ gemeint?“, fragte Sophie.

„Ich bezog das auf Anna, unsere Ehe und auf die Scheidungssache, aber ich sagte ihm klipp und klar, es sei aus und vorbei, ein für alle Mal. Ich drehte mich um und ging weg. Er lief mir nach und hielt mich fest, dabei redete er weiter auf mich ein. Und plötzlich, als wollte er mir beweisen, dass er es ernst meint, legte er seine Arme um mich und hielt mich fest umklammert. Ich wehrte mich natürlich und versuchte ihn von mir zu stoßen, aber er ließ mich nicht los. Plötzlich war in mir diese panische Angst, begleitet von einer grenzenlosen Wut, dass ich ihm wieder so ausgeliefert war. Kein Mensch war weit und breit, niemand der mir hätte helfen können. Ich wehrte mich wie ein Tier.“ Carla machte eine kurze Pause, sie erinnerte sich jetzt wieder genau, was sie damals empfand, wie verzweifelt sie war, auch in anderen Situationen in ihrer kurzen Ehe, in der sie sich einige Male nicht erfolgreich zur Wehr setzen konnte. Denn wenn Sebastian etwas getrunken hatte, war er unberechenbar.

„Jedenfalls trat ich um mich und endlich konnte ich ihn irgendwie wegzustoßen. Es war sehr steinig dort, man hatte also keinen guten Halt unter den Füßen, sonst wäre mir das wahrscheinlich auch nicht gelungen“, fuhr Carla fort. „Er stolperte, fiel hin und ich lief fort, ohne mich noch einmal umzusehen.“

„Keine schöne Geschichte“, bemerkte Sophie kopfschüttelnd. „Und das war das Letzte, was du von ihm gesehen hast?“

„Ja, aber nicht nur das, es war auch das Letzte, was ich jemals von ihm gehört habe“, ergänzte Carla, „eigentlich war er danach wie vom Erdboden verschwunden.“

„Heißt das, es gab absolut kein Lebenszeichen mehr von ihm?“

„Was mich betrifft ja, kein Anruf mehr, kein Treffen, gar nix.“

„Nun, das ist schon etwas seltsam, findest du nicht auch?“, meinte Sophie.

„Tja, wie es aussieht, findet das die Polizei wohl auch. Und um ehrlich zu sein, ich hab mir nie Gedanken darüber gemacht.“

Ihre Vorspeise kam und beide aßen eine Weile schweigend.

„Und hast du dich gar nicht gewundert, dass er sich nicht wieder gemeldet hat?“

„Anfänglich nicht, ich dachte er schäme sich wegen seines Verhaltens. Später kam mir schon mal der Gedanke, was wohl aus ihm geworden ist, schon wegen Anna. Sie war erst zwei Jahre, als das passierte und ich bin davon ausgegangen, dass er sie bestimmt manchmal sehen wollte, aber dem war nicht so, und ich muss zugeben, ich war ganz froh darüber. Eigentlich hing er auch nie an dem Kind, er konnte allgemein mit Kindern nicht gut umgehen“, entgegnete Carla und zuckte mit den Schultern.

„Hat er denn keinen Unterhalt gezahlt?“

Sophie hatte noch nie mit Carla über diese Dinge gesprochen, das Thema eheliche Vergangenheit war für beide eine abgeschlossene Phase aus Carlas Leben, die in ihrer Beziehung, bis zu diesem Tag, keinen Platz einnahm.

„Er war doch nur Medizinstudent und viel konnte ich von ihm sowieso nicht erwarten. Okay, später schon, als er mit seinem Studium fertig war, aber dann wusste niemand, wo er sich aufhielt.“

„Auch nicht seine Eltern?“

„Mit seiner Familie hatte ich nach unserer Trennung keinen Kontakt mehr, auch Anna nicht. Er hatte keine Geschwister, nur noch seine Mutter, die lebte in Spanien und hatte kein Interesse an mir, und Gott sei Dank auch nicht an Anna. Sie starb dann auch früh an Krebs, wie ich hörte“, antwortete Carla. „Und ich hatte damals meine eigenen Pläne und mir reichte es schon, die gegen meine eigene Familie durchzusetzen. Eine Einmischung vonseiten einer Ex-Schwiegermutter oder eines Ex-Mannes hätte mir noch gefehlt. Deswegen habe ich auch nie versucht seinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen und habe gerne in Kauf genommen, dass er für Anna keinen Unterhalt zahlte, außerdem war ich finanziell ja nicht auf ihn angewiesen. Ich hatte doch die Erbschaft von meinem Vater und dadurch ein kleines, aber geregeltes Einkommen. Eigentlich war ich froh, dass ich für Sebastian keinen Unterhalt zahlen musste.“

„Aber was hätte er schon gegen deine Pläne machen können?“

„Ziemlich viel, dachte ich jedenfalls damals. Ich bin nach München gegangen, ich ging nach Frankreich und Anna blieb bei meiner Mutter. Glaubst du nicht auch, dass er mir Schwierigkeiten gemacht hätte, weil ich aus seiner Sicht meine Aufsichtspflicht Anna gegenüber verletzt habe, obwohl ihm selber nichts an ihr lag?“, fragte Carla.

„Kann schon sein, aber was hätte er davon gehabt?“

„Eine gewisse Genugtuung, immerhin habe ich ihn verlassen und das war nicht gut für sein Ego. Und er wusste, dass ich ihn nur geheiratet habe, weil ich schwanger wurde und meine Mutter darauf bestand, er hätte jede Gelegenheit wahrgenommen mir eins auszuwischen.“

Sebastian hätte es Freude bereitet ihr zu schaden, davon war Carla damals überzeugt. „Und wenn er erfahren hätte, dass ich dem weiblichen Geschlecht zugetan bin, hätte mich das das Sorgerecht für Anna kosten können.“

„Aber Anna hat doch sowieso nie bei uns gelebt, also wo wäre der Unterschied gewesen?“

„Wie du weißt, war das so nicht von mir geplant. Sie sollte ja nur während meines Studiums bei meiner Mutter bleiben und auch das ließ ich nur zu, weil ich keine andere Möglichkeit hatte, jedenfalls sollte sie danach wieder zu mir kommen. Ich konnte ja nicht wissen, dass sie dann nicht mehr wollte“, antwortete Carla.

Carla hatte damals noch die Hoffnung, dass Anna es sich anders überlegen würde, ohne dazu gezwungen zu werden. Sie strich mit der Hand einige Krümel von der Tischdecke, so als wären es lästige Gedanken.

„Erinnerst du dich noch, wenn sie uns besuchen kam? Sie fühlte sich wohl und hatte ihren Spaß und ich hatte sogar das Gefühl, ihr war unsere Beziehung lieber, als einen neuen Vater vorgesetzt zu bekommen“, meinte Carla und fügte nachdenklich hinzu: „Aber sie hat auch oft nach ihm gefragt.“

„Sie muss das Gefühl gehabt haben, ihr Vater hätte sie verlassen“, gab Sophie zu bedenken.

„Ich war überzeugt, er würde sich bestimmt wieder bei ihr melden. Und davon bin ich eigentlich auch in den letzten Jahren ausgegangen. Sie ist jetzt fast dreißig und wir haben zwanzig Jahre so gut wie keinen Kontakt mehr, sie und ihr Vater könnten schon seit Jahren wieder in Verbindung stehen.“

„Aber wie du siehst, ist das offensichtlich nicht der Fall.“

„Wer kann das schon sagen, vielleicht hatten sie zwischenzeitlich Kontakt und es ist etwas passiert, woraus sie schließt, dass ich vielleicht darüber Auskunft geben könnte, wir kennen ja ihre Beweggründe für diese Anzeige nicht.“

„Na ja, du wirst morgen hoffentlich mehr darüber erfahren. Wann musst du bei der Polizei sein?“

„Schon um zehn Uhr, das passt mir eigentlich nicht, ich würde lieber arbeiten. Ich weiß genau, wenn ich zurückkomme, dann kann ich mich nicht mehr konzentrieren und der Tag ist arbeitsmäßig gelaufen.“

„Aber du wirst um eine Erfahrung reicher sein und du kannst ja wieder kochen mein Schatz, um auf andere Gedanken zu kommen“, schlug Sophie augenzwinkernd vor, nur Carla fand das nicht so lustig.

Der Hauptgang kam und während Sophie aß, war Carla mit ihren Gedanken wieder weit weg, in einer Zeit, mit der sie schon lange abgeschlossen hatte. Erst der Kellner brachte sie wieder in die Gegenwart zurück.

„Möchten Sie noch einen Nachtisch?“, fragte er und goss die Gläser noch einmal nach.

Sophie wollte noch einen Espresso und die Rechnung. „Ich würde gerne in den nächsten Tagen nach Hause fahren, meinst du, du kannst es einrichten?“ Und mit nach Hause meinte sie ihr gemeinsames Haus in der Toskana.

„Nicht gerade ein guter Zeitpunkt, ich habe Ende der Woche noch einen Termin und außerdem muss ich einige Papierarbeiten in die Galerie bringen, du weißt doch, die wollen diese Ausstellung mit Skizzen und Zeichnungen machen. Aber du kannst ja ohne mich fahren, ich komme dann nach. Oder du wartest noch eine Woche, bis dahin müsste ich fertig sein.“

„In Anbetracht der Dinge werde ich dich jetzt nicht alleine hier lassen, und eine Woche kann ich es auch noch hier aushalten“, meinte Sophie und griff nach Carlas Hand.

Die meisten Gäste waren schon gegangen, aber sie blieben noch etwas sitzen und unterhielten sich über Sophies Arbeitstag im Studio. Die Aufnahme der Liebesballade, für die sie den Text und die Musik geschrieben hatte, war so gut wie abgeschlossen.

Leise summte sie ’In a summer breeze’, ihren neuen Song, der von dem Glück die Liebe des Lebens gefunden zu haben handelte. Carla mochte den Text sehr, sie wusste, dass darin ihre Liebe zueinander beschrieben wurde und eine wohltuende Wärme stieg in ihr auf, zum ersten Mal seit Stunden war Carla wieder frei von trüben Gedanken.

„Außerdem bin ich mit den Vorgesprächen für die neue CD auch durch, also keine langwierigen Besprechungen mehr, bei der Plattenfirma.“

Die Arbeit im Studio mit den Interpreten, die Verhandlungen mit dem Label und alles, was dazugehörte war immer sehr zeitaufwendig und Sophie, nach einigen Wochen gespickt mit Terminen, war jetzt so weit, ihre Arbeit von zu Hause fortzusetzen. 

Es war schon dunkel, als sie dann endlich das Restaurant verließen und Carla fuhr Sophie zu ihrer Wohnung. Obwohl sie gemeinsam ein Haus in der Toskana nahe Florenz bewohnten, in dem sie die meiste Zeit des Jahres verbrachten, hatten beide in München ihre Wohnungen beibehalten. Sie waren über zwanzig Jahre ein glückliches Paar und es tat ihrer Beziehung gut, von Zeit zu Zeit räumlich getrennt zu sein, da sie in ihrem Haus vierundzwanzig Stunden am Tag zusammen waren. In München jedoch hatten sie einen sehr unterschiedlichen Tagesablauf, Sophie arbeitet oft bis in die Nacht hinein im Studio, stand dafür aber spät auf, im Gegensatz zu Carla, die gerne früh aufstand und in ihrer Wohnung, die gleichzeitig ihr Atelier war, arbeiten konnte.

Trotz ihrer großen Liebe und Verbundenheit zu Italien schätzten sie das andere Leben in München und verbrachten dort einige Monate im Jahr. In dieser Zeit sahen sie dann Freunde und Freundinnen, nahmen Termine wahr, gingen tanzen und sie besuchten Ausstellungen, Konzerte und Theater. Es war ihnen wichtig den Kontakt nicht zu verlieren, denn das Leben auf dem Land war zwar sehr arbeitsintensiv, aber sonst wenig abwechslungsreich.

Sophie war als Songschreiberin und Komponistin ebenso wie Carla über die Grenzen Deutschlands hinaus erfolgreich und genauso wie Carla, konnte sie ihre Tätigkeit meistens von Zuhause ausüben.

Während Sophie tagtäglich im Studio arbeitete, konnte Carla sich in München nur mit zeichnen und skizzieren beschäftigen, denn für ihre großformatigen Bilder und Skulpturen brauchte sie ein geräumiges Atelier. In der Toskana bewohnten sie ein sehr altes, schönes und großes Landhaus, das sie mit viel Liebe und Hingabe umgebaut und eingerichtet hatten. Es lag nahe des kleinen Ortes San Torrini, umgeben von Zypressen und Olivenhainen, in einer leicht hügeligen, sehr ländlichen Gegend, und das Heimweh dort hin ließ nie lange auf sich warten, wenn sie sich an einem anderen Ort aufhielten. Es überraschte Carla daher auch nicht, als Sophie den Wunsch äußerte, sie würde gerne zurückfahren, denn der Frühling war schon überall sichtbar und für beide die schönste Jahreszeit in der Toskana.

 

 *

 

Am nächsten Tag wachte Carla sehr früh auf. Sie hatte schlecht geschlafen und viel geträumt und konnte sich noch gut erinnern, wie sie in ihrem Traum, permanent nach dem richtigen Weg suchte und ständige über unbegehbare Pfade lief, die sie ins Nichts führten. In ihrer Verzweiflung setzte sie sich hin, und als sie sich umschaute, stelle sie fest, dass sie hoch oben am Ende einer steilen, unendlich langen, schmalen Treppe saß, deren Anfang sie nicht einmal erahnen konnte. Von dort führte der einzige Weg nur nach unten, und ob sie es wollte oder nicht, sie musste diese Treppe hinabsteigen. Ohne sich festhalten zu können und in einer Todesangst versuchte sie es zuerst mit dem Blick nach vorne, doch das war unmöglich, sie konnte die Sicht in den Abgrund nicht ertragen. Mühsam drehte sie sich langsam um, immer in der Furcht, das Gleichgewicht zu verlieren oder in ihrer Panik zu springen. Sie musste die Augen schließen, denn die Tiefe zog sie magisch an. Doch als sie die Augen wieder öffnete, hatte sie auf einmal das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein. Und während sie fast in ihrer Panik starb, liefen und sprangen Menschen, darunter auch Sebastian, lachend die Treppe hinunter, so als wäre es das Einfachste in der Welt. Langsam, Stufe für Stufe in dieser unbeschreiblichen Höhe und der Angst im Nacken, stieg sie abwärts. Stunden, wie es schien, vergingen, bis sie endlich auf den sicheren Boden sprang, sie hatte es geschafft!

Schweißgebadet und mit rasendem Herzschlag war Carla erleichtert, endlich ihrem Traum entkommen zu sein. Träume dieser Art hatte sie schon lange nicht mehr, sie gehörten der Vergangenheit an. Als Kind wollte sie oft nicht schlafengehen, aus Angst, mitten in der Nacht mit einem bösen Traum aufzuwachen. Später entwickelte sie dann einen Sicherheitsmechanismus, der sie aus schlechten Träumen in die Gegenwart zurückbringen konnte, nämlich das rechtzeitige Aufwachen. Manchmal aber setzten sich die schlechten Träume in der Realität fort.



An diesem Morgen ließ sich Carla sehr viel Zeit im Bad. Normalerweise brauchte sie nicht lange, um sich zufrieden im Spiegel betrachten zu können. Sie schminkte sich nur wenig, etwas Make-up um die Augen und Konturen um die Lippen, die mit den Jahren ihre Schärfe verloren hatten. Ihr dunkles, lockiges Haar reichte bis zu ihrem Kinn und war sehr pflegeleicht, es musste nach dem Waschen nur geschüttelt und getrocknet werden. Diese Frisur verlieh ihr ein jugendliches, etwas zerzaustes Aussehen, was ihr Image als Künstlerin noch unterstrich. Alles in allem war Carla mit ihrer Erscheinung vollauf zufrieden. Sie war eine attraktive Person, mit einer, für ihr Alter, sehr schlanken Figur und einer anziehenden Ausstrahlung.

Als sie endlich das Badezimmer durch ihr Ankleidezimmer verließ, trug sie einen legeren, anthrazitfarbenen Anzug, mit einer weißen Bluse darunter. So betrat sie das Esszimmer und setze sich mit einem gequälten Gesichtsausdruck an den großen Holztisch, der das Zimmer dominierte und auf dem das Frühstück schon bereitstand.

„Guten Morgen Frau von Sachs, ja mei jetzt ist das Ei aber kalt, Sie hätten mir auch früher sagen können, dass Sie heute länger brauchen“, meinte Frau Fischer, die Haushälterin, immer noch etwas beleidigt wegen des gestrigen Rausschmisses aus ihrer Küche. Frau Fischer arbeitete schon viele Jahre für Carla und Sophie und kümmerte sich auch während deren Abwesenheit um beide Wohnungen.

„Macht nichts Frau Fischer, ich bin gar nicht hungrig, ich möchte nur eine Tasse Kaffee.“

Frau Fischer fehlte das Verständnis, dass man ein gutes Frühstück, die Grundlage des Tages, unangetastet ließ, hatte aber keine Möglichkeit Carla umzustimmen. Auch auf ihre Frage, ob es Carla nicht gut ginge, bekam sie keine Antwort nur ein Schulterzucken, denn Carla wollte an diesem Morgen nur in Ruhe gelassen werden und ihren Kaffee trinken. Trotz der äußerlichen Gelassenheit konnte man leicht feststellen, dass Carlas Nerven bloß lagen, denn beim ersten Klingeln des Telefons schreckte sie schon zusammen. Frau Fischer hob ab, meldet sich im Namen von Carla und reichte den Hörer weiter mit den Worten: „Frau Gibson für Sie.“

Sophie erkundigte sich nach Carlas Befinden und wollte wissen, ob sie Carla begleiten solle.

Carla überlegte kurz: „Ich weiß nicht, ob es wert ist, dir auch noch den Tag zu verderben. Wahrscheinlich darfst du gar nicht bei meiner Aussage dabei sein.“

„Das hört sich ja an, als würdest du das Schlimmste erwarten. Ich komme mit und basta“, sagte Sophie kurz entschlossen und legte auf, das „Okay, wenn du willst“, hörte sie schon nicht mehr.

Sophie wohnte nur eine Parallelstraße entfernt und klingelte bereits zehn Minuten später an Carlas Wohnungstür. Auch sie wollte nichts essen und trank nur eine Tasse Kaffee.

„Was ist heute nur los, ist das ein Boykott, oder was?“, murmelte Frau Fischer kopfschüttelnd vor sich hin und ging wieder zurück in ihre Küche.

„Komm, lass uns gehen, ich möchte diese Vernehmung so schnell wie möglich hinter mich bringen.“

Carla stand auf und Sophie folgte ihr. Sie verließen, ohne Frau Fischer über ihr Ziel zu informieren, nur mit einem ‘bis später‘ die Wohnung.

Es war ein sonniger Morgen, doch Carla, der sonst nichts entging, nahm weder das, noch das zarte Grün der jungen Blätter an den Bäumen und Sträuchern wahr, die in der Morgensonne leuchteten. Sie ging, ohne nach links oder rechts zu schauen auf Sophies Landrover zu, der noch vom Vorabend auf dem Hof stand, und stieg ein. Eine halbe Stunde später erreichten sie das Polizeipräsidium. Nachdem sie den Wagen auf einem Besucherparkplatz abgestellt hatten, machten sie sich auf die Suche nach dem Zimmer mit der Nummer zweihundertfünfzig. Sie stiegen die abgewetzten Treppen hinauf zur zweiten Etage, die war identisch zu dem schäbigen Flur, den sie gerade hinter sich gelassen hatten und der verstaubte Geruch, der über Jahrzehnte die Wände des alten Gebäudes penetrierte, wurde intensiver. Sie orientierten sie sich an den fortlaufenden Zimmernummern, zweihundertzwanzig, zweihundertfünfundzwanzig. Eine der vielen Türen öffnete sich und heraustraten zwei uniformierte Polizisten, in ihrer Mitte ein junger Mann in Handschellen, sein Kopf und Blick dem Boden zugewandt. Zweihundertachtundvierzig, zweihundertfünfzig, endlich standen sie vor dem Büro, das sie suchten, auf einem Schild die Namen Hauptkommissar Schmidtbauer darunter Kommissar Schön. Carla klopfte und trat ein, Sophie folgte ihr. Das einzig Freundliche an diesem Raum war die große Zimmerpflanze neben dem Fenster. Carla stellte sich dem Beamten vor, der sie beide, von oben bis unten fragend ansah. Sie teilte ihm den Grund ihres Erscheinens mit und wartete auf seine Reaktion.

„Haben Sie Ihren Ausweis und die Vorladung dabei?“, fragte der Polizist. Er war ungefähr fünfunddreißig Jahre und nicht was man gut aussehend nennen würde. „Und Sie, weswegen sind Sie hier? Haben Sie auch eine Vorladung?“, fragte er Sophie.

Sophie verneinte und erklärte, dass sie ihre Freundin begleite. Höflich aber bestimmt meinte der Polizist, dass Frau Gibson bei der Vernehmung nicht dabei sein dürfe.

„Was heißt hier Vernehmung? Ich dachte Sie wollten von mir eine Auskunft über Sebastian Breuer“, sagte Carla erstaunt. „Und weswegen, bitte schön, kann Frau Gibson nicht dabei sein?“

„Nun, vielleicht brauchen wir ja auch noch von Frau Gibson eine Aussage“, sagte der Polizist. „Also Frau Gibson, bitte warten Sie draußen!“

„Frau Gibson kann Ihnen bestimmt nicht helfen, sie kannte Herrn Breuer gar nicht“, meinte Carla aufgebracht.

Doch der Polizist duldete keine Widerrede. Das vorher bereits unsympathische Gesicht des Polizisten bekam durch seine kleinen, eng stehenden Augen, mit hochgezogenen Augenbrauen und nach vorne gezogene Kinnlade einen bösartigen Ausdruck. Wahrscheinlich dachte er, sie auf diese Art einschüchtern zu können, er schaute jede der beiden Damen abwechselnd an, dann blieb sein Blick an Sophie haften und ohne ein weiteres Wort zu sagen, zeigt er mit seiner Hand in Richtung der Tür. Sophie hatte Probleme diese Aufforderung so ganz ohne Kommentar hinzunehmen und war daher froh, das Zimmer verlassen zu können, sie hätte Carla eventuell mehr geschadet als genützt, wäre sie noch einen Moment länger geblieben. Nachdem Sophie den Raum verlassen hatte, stand der Polizist auf, öffnete die Tür zum Nebenzimmer und sagte: „Kommst du rüber zum Protokoll oder sollen wir kommen? Carlotta von Sachs ist da?“

„Ich komme schon“, kam eine Stimme aus dem Nebenraum und kurz darauf betrat Hauptkommissar Schmidtbauer den Raum. Er schüttelte Carla die Hand und stellte sich vor, dann führte er sie zu einem freien Stuhl vor dem zweiten Schreibtisch, hinter dem er Platz nahm. Nachdem Carlas Personalien und Adresse aufgenommen worden waren und sie sich mit ihrem Pass ausgewiesen hatten, kam die erste Frage.

„Frau von Sachs sagen Sie uns bitte, wann Sie Ihren geschiedenen Mann, Sebastian Breuer das letzte Mal gesehen haben?“

„Können Sie mir bitte zuerst einmal sagen, was es mit dieser Anzeige auf sich hat?“

„Kommt noch, Frau von Sachs, aber bitte beantworten Sie zuerst meine Frage.“

Carla wusste nicht, ob sie nicht besser auf eine Erklärung bestehen sollte, nahm aber stattdessen tief Luft und erzählte dann dem Hauptkommissar über das letzte Zusammentreffen mit Sebastian, ohne aber zu erwähnen, dass sie fast vor Angst gestorben wäre.

„Es kam also zu einem Kampf, bei dem Ihr Mann zu Boden ging“, stellte der jüngere Polizist, dessen Namen, nach Aussage des Türschilds, dann 'Schön' sein musste und dem Carla den Rücken nun zugekehrt hatte, abschließend fest. „Und danach haben Sie nichts mehr von ihm gehört oder gesehen, habe ich das so richtig verstanden?“

„Also Kampf würde ich das nicht nennen, aber sonst ist alles richtig“, antwortete Carla. Jetzt tat es ihr schon leid, so ausführlich über das Geschehene berichtet zu haben und schaute ihr Gegenüber, den Hauptkommissar forschend an.

„Nun so weit wir wissen, wurde er danach auch von niemand anderem mehr gesehen. Oder ist Ihnen etwas anderes bekannt?“

„Nein, aber ich habe auch niemanden danach gefragt“, antwortet Carla wahrheitsgemäß.

„Also waren Sie die Letzte, die ihn gesehen hat.“

„Das weiß ich nicht.“

„Haben Sie niemals versucht mit ihm in Kontakt zu treten?“

„Nein, warum sollte ich, wir sind geschieden.“

„Haben Sie denn keinen Unterhalt für Ihre Tochter von ihm bekommen? Erzählen Sie uns doch nicht, dass Sie darauf verzichtet haben.“

Hier sprach jemand, der offensichtlich darunter litt Frau und Kinder unterstützen zu müssen, ging es Carla durch den Kopf.

„Nein, er hat die ganzen Jahre keinen Unterhalt gezahlt und das war mir auch egal. Und hören Sie jetzt bitte auf, mir irgendwelche Dinge zu unterstellen. Es ist ganz alleine meine Sache, mit wem ich Kontakt haben möchte und mit wem nicht.“ Carla war entrüstet und gezwungen sich wieder umzudrehen, um diesem Menschen in die Augen zu blicken.

Und mit einem satanischen Lächeln peitschte er ihr die nächste Frage ins Gesicht: „Oder haben Sie keinen Kontakt aufgenommen, weil Sie wussten, dass es zwecklos gewesen wäre?“

„Wahrscheinlich wäre es zwecklos gewesen“, entgegnete Carla kühl, „denn wenn er Unterhalt hätte zahlen wollen, dann hätte er es jederzeit tun können, meinen Sie nicht auch? Ich jedenfalls wollte mir diesen Stress mit ihm ersparen.“

„Aha, aber ist es nicht eher so gewesen, dass Sie wussten, dass er nichts zahlen würde, weil er nicht mehr am Leben war?“ Der Triumph in der Stimme des jungen Polizisten war unüberhörbar und mit einem Male wurde Carla bewusst, mit welcher Ungeheuerlichkeit sie da konfrontiert wurde.

Sie war verwirrt über die Schlussfolgerungen des Beamten und frage: „Aber warum sollte er nicht mehr am Leben gewesen sein?“

„Weil er bei Ihrem kleinen Kampf so unglücklich fiel, dass er sich das Knick brach.“

Jetzt war es raus, das hatten die sich also ausgedacht, ging es Carla durch den Kopf und nur langsam konnte sie sich von ihrer Sprachlosigkeit erholen. „Dann hätte man ihn aber finden müssen.“

„Sie hätten ihn in den Flussarm werfen können.“

Allmählich stieg in Carla die Wut über diese konstruierte Anschuldigung hoch und sie antwortete lauter, als es sonst ihre Art war: „Und was ist mit seinem Auto, habe ich mir das vielleicht in die Westentasche gesteckt? Jetzt hören Sie aber auf mit diesen Verdächtigungen oder können Sie davon irgendetwas beweisen? Wer hat überhaupt diese Behauptungen in die Welt gesetzt?“ Carla drehte sich bei dieser Frage wieder zu dem Hauptkommissar um und sah ihn herausfordernd an, der senkte seinen Blick und begutachtete stattdessen seine Fingernägel für einige Sekunden, bevor er antwortete: „Ihre Tochter hat ihren Vater bei unseren Kollegen in Herstadt als vermisst gemeldet und gleichzeitig eine Aussage gemacht, die Sie, sagen wir, belastet. Auch sie ist der Meinung, dass er nach einem Treffen mit Ihnen, von dem Sie ihr selbst erzählt hatten, nicht wieder lebend gesehen wurde. Wir müssen dieser Sache nachgehen, Sie werden das bestimmt verstehen, Frau von Sachs.“

„Nun, wenn das so ist, dann ist es wohl besser, ich sage jetzt nichts mehr und rufe meinen Anwalt an“, sagte Carla, die diesen Satz aus unzähligen Fernsehkrimis kannte.

„Das ist nicht notwendig, Sie können jetzt gehen, aber halten Sie sich bereit, falls wir noch Fragen haben. Und das Protokoll können Sie uns dann morgen unterschreiben, oder wollen Sie warten?“

Carla wollte natürlich nicht warten, wollte auch am nächsten Tag nicht wiederkommen und auf jeden Fall, so bald wie möglich München verlassen.

„Ich habe vor, in einer Woche in mein Haus in der Toskana zu fahren und das kann und möchte ich auf keinen Fall verschieben“, sagt sie mit einer Bestimmtheit, die kleinen Zweifel darüber zuließ.

„Wir werden sehen, ob sich das machen lässt, aber kommen Sie morgen noch einmal vorbei, dann ist Ihre Aussage getippt“, entgegnete der Hauptkommissar und reichte freundlich lächelnd Carla die Hand zum Abschied. Wo Aussagen noch getippt werden, da mahlen die Mühlen etwas langsamer. Wo Aussagen noch getippt werden, da mahlen die Mühlen etwas langsamer, dachte Carla und nahm seine Hand, ignorierte aber den zweiten Mann und verließ den Raum so schnell sie konnte.

Als die Tür hinter Carla ins Schloss fiel, fragte der jüngere der beiden Polizisten, dessen Namen Max Schön war: „Und? Was hältst du von ihr?“

„Was soll ich von ihr halten, keine Ahnung. Wir wissen ja nicht einmal, ob hier ein Verbrechen vorliegt. Allerdings weiß ich, was ich von so einer Tochter halten würde“, antwortete sein Vorgesetzter und blätterte in seinen Unterlagen.

Kapitel II





Carla saß auf der Armlehne, Sophie neben ihr auf der Couch und gab Frau Fischer die letzten Instruktionen. Sie würde sich wie immer, in deren Abwesenheit, sowohl um Sophies als auch um Carlas Wohnung kümmern.

„Frau Fischer, Sie wissen ja, jederzeit anrufen, wenn etwas sein sollte und wenn Sabine aus dem Urlaub kommt, soll sie sich sofort bei uns melden. Wir werden wahrscheinlich die nächsten sechs Monate oder länger in der Toskana bleiben und Sabine brauch ihre Koffer erst gar nicht auszupacken.“


Purchase this book or download sample versions for your ebook reader.
(Pages 1-17 show above.)